BEEF!

BEEF!

Männer kochen anders.

Nein, ernsthaft: So lautet der Slogan eines neuen – sollen wir es so nennen? – Herrenmagazins. Das Foto entstand auf dem Leipziger Hauptbahnhof. Passend dazu läuft auf RTL Nitro („Fernsehen für Männer!“) die Pilotfolge zur gleichnamigen Sendung: „Beef! – Für Männer mit Geschmack“.

Das Motto ist klar: „Fleisch ist aller Freuden Anfang.“

Infotainment trifft auf Lifestyle-Magazin und den junggeblieben-dynamischen Moderator Steffen Wink, mit graumeliertem Haar (seine Frontlocke könnte locker mit Elvis mithalten), engem schwarzem Hemd und ebensolchen Blue Jeans mit Aufschlag. Es riecht nach Rockabilly, die Titelmelodie ist vom US-amerikanischen Bluesrock-Duo The Black Keys (Baujahr um 1980).

Bereits nach wenigen Minuten weiß ich, dass einige Hausschweinerassen ausgestorben sind, weil sie einfach keiner mehr essen wollte und dass die Bunten Bentheimer, die es geschafft haben weiterhin von uns gegessen zu werden, selbst gerne Eicheln fressen. Der Schweinezüchter erzählt, dass er nicht beim Schlachten dabei sein möchte, ihm eine tierfreundliche Schlachtung aber sehr wichtig ist. Sympathisch. Dann geht es um Bier – aus dem Spreewald. Dort in dieser Gastwirtschaft habe ich auch schon mal gesessen und Spreewälder Gurkenbrause getrunken. Die gibt es auch als Gurkenradler. Ich frage mich, ob ich nun besonders männlich bin, weil mich die Sendung anspricht, obwohl ich lieber Gurkenradler oder Kirschbier als Pils trinke. Natürlich bevorzugt Steffen Wink „das herbere“. Es folgen Blicke in halbe Schweine, Knochensägen bei der Erklärung, wie Mann ein solches zerlegt, ein Besuch beim Köhler, bei dem der Moderator sich nicht zu schade ist, beim Aufbau des Meilers mitanzupacken und sich gleich miteinräuchern zu lassen.

Es geht also nicht nur um Bier und Fleisch, sondern auch um Traditionen, (fast) ausgestorbene Schweine und Berufe und die jeweiligen „Meister ihres Fachs“. Der Moderator hat schließlich alle Ingredienzien für einen Grillabend, vom Fleisch über das Bier bis hin zur selbst „geköhlerten“ Kohle, bei seinem Streifzug durch Deutschland eingesammelt – diese Aufmachung erinnert ein wenig an Löwenzahns Peter Lustig – und nach rund 30 Minuten sind für wenige Sekunden die einzigen Frauen der ganzen Sendung zu sehen. Als Essensgäste beim Grillabend wirken sie zwar eher wie Requisiten, aber immerhin – mitessen dürfen sie. Ich komme ins Grübeln über Rollenbilder und frage mich, ob es auch Köhlerinnen gibt und warum das Grillen noch immer als die Männerdomäne gilt. In der Generation meiner Eltern kenne ich tatsächlich keine einzige Familie, in der eine Frau am Grill stehen würde. Ein Bruch mit dieser Tradition käme einem Sakrileg gleich. Aber auch in meinem Freundes- und Bekanntenkreis erscheint es selbstverständlich, dass die Herren der Schöpfung die Zange in der Hand halten, während die Herrinnen der Schöpfung sich bedienen lassen. So erst kürzlich auf einem alljährlichen Treffen auf einem Bauernhof in Sachsen-Anhalt, der obendrein ein streng geführtes Matriarchat in drei Generationen ist. Ich erinnere mich aber auch an eine junge Frau, die, als ich vor kurzem durch den Monbijoupark in Berlin Mitte lief, vor einem tragbaren, qualmenden Kugelgrill stand und die vorbereiteten Speisen auspackte. Ich frage mich, ob sie diese dann auch gegrillt hat oder ob diese Aufgabe einer der jungen Männer übernommen hat, die in der Nähe saßen, ihr zusahen und Bier tranken. Noch mehr beschäftigt mich aber die Frage, ob diese Erinnerungen eine brauchbare Statistik abgeben oder nicht vielmehr die verbreitete Skepsis über die Zuverlässigkeit von Statistiken im Allgemeinen bekräftigen: traue keiner Erinnerungsstatistik, die dein eigenes Unbewusstes nicht selbst gefälscht hat. Grillen, Fleisch, Bier, Holzkohle, das ist alles etwas rauchig, derb – männlich. Aber ist das wirklich alles? Das gleiche trifft auf das Räuchern und Zubereiten von Bratheringen zu und da fällt mir nun wieder nur eine Person aus meiner Verwandtschaft ein, die das tut – und die ist weiblich. Und die Essenszubereitung ist ohnehin keine Frauensache (mehr). Während wiederum in der Generation meiner Großeltern es geradezu absurd war, sich einen kochenden Ehemann vorzustellen, hat sich dies bis zu den ebenfalls junggeblieben-dynamischen Prenzlauer-Berg-Papas mit Baby vorm Bauch hin deutlich geändert. Ich überlege, ob mir aber auch nur eine einzige Fernsehköchin neben all den bekannten männlichen Kollegen, Mälzers, Rachs und Olivers, Kochprofis und Küchenchefs, bis hin zu Clemens Wilmenrod (Erfinder des Toast Hawaii!), einfällt. Rachel Khoo fällt mir ein. Sie kocht in ihrem Miniappartement in Paris zauberhafte Menüs für zwei Personen, die dann auch in ihrem Wohnzimmer Platz nehmen. Ich schlage in der Wikipedia nach, Kategorie: „Fernsehkoch“. Es gibt tatsächlich einige, aber Rachel ist die einzige, die ich kenne, und am Ende steht es 74 zu 18 für die männlichen Kollegen (im deutschsprachigen Fernsehen). Und ist es nicht ungerecht, dass Männer längst auch Kochen dürfen, Frauen aber nicht grillen? Oder wollen wir gar nicht?

Vielleicht hat es etwas mit dem Rampenlicht zu tun, in dem jeder Grillmeister (und jeder Fernsehkoch) unweigerlich steht?

Das ist auch sehr „männlich“: Während alle anderen bereits Platz genommen haben, hält einer die Stellung an der Front. Rampensäue gibt es aber auch unter meinen Geschlechtsgenossinnen und ich bin nicht sicher, ob ich mich selbst da ausnehmen würde.

Vielleicht hat es etwas mit dem Element zu tun?

Auf demselben sommerlichen Zusammentreffen auf dem Bauernhof wurde zu später Stunde ein Feuer in einer Kreuzung aus metallenem Feuerkorb und Aztekenofen entzündet. Eine junge Frau übernahm spontan die Aufgabe, das Feuer in Gang zu halten und regelmäßig Holz nachzulegen. Die „Feuerfrau“ zog unweigerlich die Faszination der um das Feuer versammelten Herren auf sich. Bei jedem Nachlegen wurde dem respektvollen Wohlwollen Ausdruck verliehen. Nach einer Weile fragte sie leicht genervt, was das solle. Einer antwortete, dass sie das gut mache: Du hast das archaisch-männliche Element Feuer für dich erobert, wir sind beeindruckt. Seinen sonstigen Vorlieben nach zu urteilen dachte er an keltische Feuergötter, vielleicht auch Thor, der nicht nur Donner, sondern auch Blitze sein Eigen nennt. Ich gebe zu, dass sowohl im Christentum als auch im Hinduismus das Feuer die Verkörperung eines männlichen Gottes ist und es zahlreiche Beispiele für mythische Verbindungen gibt wie die antiken Feuer- und Schmiedegötter, Hephaistos, Prometheus und andere. Aber was ist mit Vesta, der römischen Hüterin des Herdfeuers? Ähnliche Feuergöttinnen gibt es auch in anderen Religionen. Zugegeben, im Vergleich zum Donnergott Thor oder dem Schmiedegott Hephaistos hüten sie ein eher gezähmtes Feuer. Aber mal ehrlich: der Feuerkorb-Aztekenofen und der Grill ähneln doch beide eher diesem Feuer der Vesta als den Blitzen Thors.

Das Feuer als männlich-archaisches Element scheint mir auch nicht der Schlüssel zu sein. Ist es vielleicht tatsächlich das, was uns das eingangs genannte Magazin nahelegt? Fleisch? Auf der Webseite des Magazins finde ich als Gadget ein kostenloses Onlinespiel: Schlachteplatte – das Wurstspiel (nein, das habe ich mir nicht ausgedacht!). Ich probiere es gleich aus und stelle fest, dass es wie auch tausend andere (kostenlose) Spiele für PC oder Smartphone eine Mischung der klassischen Pixel-Puzzle-Stapel-Schieß-Spiele Space Invaders, Break out und Tetris ist. Ich erinnere mich, dass Paris Hilton einst ganz stolz „ihr“ Spiel Diamond Quest präsentierte und ich im Folgenden permanent in on- und offline-Medien mit deren Klonen genervt wurde. Persönlich war ich bisher einzig mit Tetris vertraut, finde aber schnell Gefallen daran, gleichartige Wurstscheiben aufeinander zu schießen. Wenn drei oder mehr aneinander liegen, lösen sie sich auf und ich erhalte Punkte. Wenn nicht, rückt die Schlachteplatte bedrohlich Stück für Stück näher. Ich zeige meine neueste Entdeckung gleich meinem fleischessenden Freund, der begeistert ruft: Mit Mortadella schießen! Meinen Rechner bekomme ich so schnell erst mal nicht wieder. Ich schicke den Link anschließend auch noch an meinen veganen besten Freund – der wahrscheinlich bei Erhalt ebenso begeistert ruft: Mit Mortadella schießen! – und frage mich, ob die Gleichung Fleisch = Mann wirklich so funktioniert. Mein zweiter bester Freund ist Vegetarier, trägt aber Leder. Ich trage lieber Kunstleder, bin aber ‚nur‘ Ovo-Lacto-Pesco-Vegetarierin. Obwohl ich es eigentlich bevorzuge, mich nicht so zu nennen, weil ich vor vielen Jahren auf Identitätssuche schlicht und ergreifend aufgehört zu haben, Fleisch zu essen und nun habe ich mich einfach daran gewöhnt. Eine Bekannte, selbst Fleischesserin, hat seit einigen Jahren einen Freund, für den sie ihre Küche zweigeteilt hat. Sein Vegetarismus wird mit einer vergleichbaren Ernsthaftigkeit und einem (quasi‑) religiösen Enthusiasmus zelebriert wie die Nahrungstabus im orthodoxen Judentum. Absurder Weise trifft ersteres in unserer Gesellschaft oft auf größere Anerkennung, letzteres höchstens auf unverständige Ehrfurcht Außenstehender. In diesen Fragen scheinen Religionsangehörige mitunter sogar toleranter als jene quasireligiösen Lifestyle-Angehörigen. Warum nicht ein gegenseitiges: Essen und essen lassen? Meine Freundinnen sind im Gegensatz zu meinen männlichen Freunden eigentlich leidenschaftliche Fleischesserinnen. Eine probiert allerdings seit kurzem den veganen Lebensstil aus. Und ich denke, das ist es: ein Lebensstil, individuell und geschlechtsunabhängig.

Mit Lebensstil sind wir wieder beim neuen Männer-Lifestyle-Magazin, das mir so sympathisch ist, weil es sich als erfrischend anders von ähnlichen Formaten, sowohl von (eher ‚weiblich‘ orientierten) Lifestyle-Magazinen als auch von Reportagen rund ums Essen à la Galileo, abhebt. Vielleicht fühle ich mich deshalb von der Sendung angesprochen, auch wenn ich das Hauptprodukt nicht konsumieren werde und vom Untertitel explizit nicht angesprochen bin. Hätte es der Sendung geschadet, wenn eine Metzgermeisterin interviewt worden wäre? Ich bin zumindest nicht die einzige, die sich in dieser mit Ausnahme der ‚Requisiten‘ frauenfreien Zone wohlfühlt, so legt der Kommentar einer gewissen Swani Cichowlas auf RTL Nitro vom 15. August, 04:46, nahe: „auch für frauen.“ Und siehe da, es handelt sich um die Regisseurin der Sendung. Im Übrigen hat sich auch mit Birte Lindlahr, stellvertretende Chefredakteurin von BEEF!, eine Frau ‚eingeschlichen‘.

Und was hat es denn nun mit dem Grillen, dem Beef! und all dem auf sich? Vielleicht ist die Frage, was das Männliche am Grillen ist (Feuer, Fleisch oder sonst etwas) auch verkehrt herum gedacht. Geht es hier wirklich um Fleisch? Nein! Vielmehr darum, wie quotenmeter.de schreibt, die Männlichkeit zu zelebrieren. Und das geht nicht mit marinierten Zucchini auf dem Grill und veganen Törtchen zum Nachtisch. Dass dabei auch Frauen ihre Hände im Spiel hatten, tut dem Ganzen keinen Abbruch, ganz im Sinne des ebenfalls von quotenmeter zitierten: “It’s a man’s world!” Ich möchte ergänzen: “But it would be nothing without a woman or a girl.” Vielleicht ist die Frage nicht, was am Grillen männlich ist, sondern: wenn nicht Grillen, was denn dann?

Ich jedenfalls habe Hunger bekommen und wünsche allen, denen es ebenso geht: Guten Appetit bei was auch immer!

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